Als Taschenbuchempfehlung für den Mai 2026 stellen wir vor:
Jean D’Amerique: Zerrissene Sonne
Roman. Litradukt Literatureditionen, 13 Euro
„Du wirst allein sein in der großen Nacht.“ Das ist die Mahnung, die das Mädchen von dem Papa, der nicht ihr Papa ist, immer wieder hört. Das Mädchen ist Tête Fêlée, der Papa ist der Handlanger eines Bandenbosses und die Mutter, Fleur d’Orange, eine Hure, die ihren Körper den Reichsten der Stadt verkauft. Tête Fêlée versteht die Mahnung nicht, sie versteht aber, was es zum Überleben braucht: Gewalt! Sie, das Kind, hat die Welt der Erwachsenen verstanden. Umgeben von Elend in einem der Slums von Haiti, versucht sie sich selbst zu retten. Sie schreibt sich aus diesem Leben der Gewalt heraus, des menschlichen Versagens, der Haltlosigkeit. Sie sucht Halt in der Liebe zu einem Mädchen. Doch sie wird sie nicht finden, denn Gewalt wird sie zerstören. Es bleiben nur die Worte, ihre Träume und der Wille zum Überleben.
Jean D’Amérique, Dichter, Dramatiker, Rapper und Romanautor, der aber alles auf das eine zurückführt, auf die Lyrik, der hat mit Zerrissene Sonne (Soleil à coudre) entweder einen 114 Seiten langen Rap-Liedtext verfasst oder zumindest einen Text voller Poesie, voller Gewalt, Blut und Sehnsucht. Einen Text, in dem kindliche Naivität auf die zerstörerische Kraft eines Lebens ohne Zukunft stößt. Das ist kein leichtes Werk, aber eines, das uns bei den nächsten Nachrichten über Haiti zum Aufhorchen bringt. Dort in einer Welt der Hoffnungslosigkeit steckt etwas, das uns literarisch und menschlich weiterbringen kann: Ein Wille zum Leben. [Björn Siller]
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s. Fischer Verlag