Wieder haben wir gelesen und legen Ihnen die von uns ausgewählten Bücher ans Herz. Beginnen möchte ich dabei mit einem der schönsten Romane in der Literatur von

Virginia Woolf: Mrs. Dalloway (Bestellen)

Roman. Deutsche Neuübersetzung von Melanie Walz. Manesse Verlag, 24 Euro

Ein einziger Tag im Leben von Clarissa Dalloway, die jedoch im Gegensatz zum irreführenden Titel gerade nicht der Mittelpunkt des gesamten Geschehens im Buch ist. Virginia Woolf ist eine große Künstlerin im Erzählen aus völlig unterschiedlichen Perspektiven, im Schildern verschiedener, persönlicher Wahrnehmungen und Empfindungen. Dabei lässt sie den Blick weit über das Persönliche hinaus schweifen und führt uns ein ungemein beeindruckendes Panorama der Gesellschaft vor Augen. Auch wenn Sie diesen Roman kennen und schätzen, ist eine erneute Lektüre in der großartigen neuen Übertragung von Melanie Walz pures Leseerlebnis.

 

Emily Bronté: Sturmhöhe (Bestellen)

Roman. Neu übersetzt von Wolfgang Schlüter. Hanser Verlag, 44 Euro

Dieser für damalige Zeiten revolutionäre Roman gewinnt ebenfalls neues und noch einmal anderes Leben durch die Übersetzung. Schade, dass diese ab und an sprachlich etwas über das Ziel hinausschießt. Ungeheuerlichkeit und ungezähmte Wildheit in der Handlung müssen nicht zwangsläufig in bewusst derbe Wortwahl münden. Abgesehen davon schafft es der Übersetzer jedoch, mit der von ihm gewählten sprachlichen Gewalt die große Düsternis und Leidenschaft des Romans äußerst eindringlich abzubilden. Denn auch in unserer sich so abgebrüht gebenden Zeit hat diese aufwühlende Liebesgeschichte keinesfalls ihre Dramatik eingebüßt. Emily, die neue Verfilmung des Lebens der Autorin durch Frances O`Connor, kam erst vor Kurzem in die Kinos. Sehenswert. Der Roman: unbedingt (einmal mehr) lesenswert.

 

Ingeborg Bachmann – Max Frisch: „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel (Bestellen)

Suhrkamp Verlag, 40 Euro

Leidenschaftlich, mit atemberaubenden Höhen und Tiefen und – dennoch beherrscht, so erleben wir das große Liebespaar der Literatur in seinen Briefen. Wohl gesetzt und ausgefeilt sind die Sätze, selbst bei Schmerz und in Verzweiflung. Dieser Briefwechsel ist der Blick in einen Abgrund voller Emotionen. Gleichzeitig ist er ein Fest der Sprache, auch wenn uns beim Lesen immer wieder das Gefühl ergreift, ein ungebetener Gast dieses Festes zu sein. Werden wir zu Voyeuren, wenn wir lesen? Jeder und jede Interessierte sollte dies für sich entscheiden. Wir erfahren Neues, lernen Bekanntes anders zu sehen; vielen Spekulationen über diese aufreibende Beziehung werden ein Ende bereitet. Große Literatur erleben wir, werden berührt, sind verstört und gleichzeitig gebannt. Zeitgeschichte auf höchstem literarischem Niveau.

 

Ingeborg Bachmann – Max Frisch: „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Gelesen von Johanna Wokalek und Matthias Brandt (Bestellen)

speak low 2022, 36 Euro

Große Literatur eindrucksvoll lesen: Das können Johanna Wokalek und Matthias Brandt. Ohne falsches Pathos und gleichzeitig berührend, die Spannung haltend und immer wieder steigernd. Zusätzlich beim Hören wird noch einmal deutlich, wie bewusst das berühmte Paar Bachmann und Frisch die Worte gewählt, die Ausdrücke gesetzt, manches angedeutet, weniges verschwiegen, vieles schmerzhaft klar ausgesprochen hat.

 

Rachel Cusk: Coventry (Bestellen)

Essays. Suhrkamp Verlag, 21 Euro

Klug, warmherzig, voller Humor, so schreibt Rachel Cusk. Dabei beobachtet sie genau und zieht aus dem menschlichen, häufig nicht nachvollziehbaren Verhalten überraschende, auch streitbare Schlüsse.

Ihre Gedanken über Unhöflichkeit, den Bau eines Hauses, über Gefühlsausbrüche beim Autofahren sind pointiert, glänzend geschrieben. Fertige Lösungen hat sie nicht zur Hand, stattdessen regt sie zum gründlichen Nachdenken an. Mit diesem Band, seinen sechs Essays bekommen wir kleine, inhaltliche und sprachliche Preziosen geschenkt.

 

Abdulrazak Gurnah: Nachleben (Bestellen)

Roman. Penguin Verlag, 26 Euro

Der dritte, wie von mir angekündigt, hier besprochene Roman, des großen Autors Gurnah ist 2020 im Original erschienen und liegt erstmals in deutscher Sprache vor. Gurnah schreibt kraftvoll und gleichzeitig feinfühlig, er schreibt über Schuld, Unrecht, über die Verbrechen in der deutschen Kolonialgeschichte, ohne anzuklagen. In vier Einzelschicksalen junger Menschen sind Krieg, Zerstörung, Vernichtung die bestimmenden Faktoren. Wie lange wurde dies in unserer Geschichte verdrängt! Sigrid Löffler bringt es bestens zum Ausdruck, wenn sie anmerkt, dass Gurnah der Erfahrung von Kolonialismus und Migration aus afrikanischer Perspektive eine leise, aber unbeirrbare Stimme gibt. In dem Roman Ferne Gestade schreibt Gurnah sehr persönlich von Fremdheit und Entwurzelung, hier in Nachleben blickt er (wie auch in Das verlorene Paradies) historisch und mit bewusster Distanz, dennoch mit großer Zuneigung zu seinen Protagonisten auf die Kolonialzeit. Eine ungemein wichtige, ja unverzichtbare Lektüre.

 

Irene Vallejo: Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern (Bestellen)

Diogenes Verlag, 28 Euro

Es begann mit den Bücherjägern, jenen ersten Sammlern der großen Bibliotheken in den Ländern des Zweistromlandes. Irene Vallejo wagt ein großes Unterfangen, und es gelingt ihr ein umwerfendes Buch, schön und wertvoll in Gestaltung und Inhalt. Mit großer Konzentration und Zuneigung, in einer Sprache voller Bilder lädt sie uns Lesende dazu ein, mit ihr jenen Worten nachzuforschen, die aufgeschrieben und erhalten, auch denjenigen, die lediglich mündlich weitergegeben wurden. Apropos mündlich: Dieses Buch ist nicht nur eine Hommage an das Buch, sondern auch an die Idee des Erzählens, die Tradierung von Geschichten in aufgeschriebene Worte, aber auch die Idee, dass wir Menschen erst zum Menschen werden, wenn wir zusammenkommen und uns Geschichten erzählen.

 

Nigel Slater: Ein Jahr lang gut essen (Bestellen)

DuMont Buchverlag, 39 Euro

Das Leben ist zu kurz für schlechten Rotwein. Wer wüsste das nicht in Südbaden zwischen Kaiserstuhl und Markgräflerland? „Wir sind nicht sehr lange auf dieser Welt. Da sollten wir uns wenigstens etwas Gutes zu essen machen“. Das sagt Nigel Slater, der britische Autor, Küchen-Kolumnist des Observer und für seine Verdienste um das gute Essen von Queen Elizabeth II. als Officer of the Order of the British Empire ausgezeichnete Koch.

Beim Guten geht es Slater nie um das Außergewöhnliche, sondern um das im besten Sinne Alltägliche: Sein Buch Ein Jahr lang gut essen versteht er als „ein Plädoyer dafür, dass sowohl gutes Essen als auch die Freude am Kochen einfach zum festen Bestandteil unseres Alltagslebens werden sollten.“

Zwischen den täglichen Einträgen und Rezepten seines Kochtagebuchs mit zahlreichen Abbildungen finden sich vier Jahreszeit-Kapitel. Die Ausstattung des Bandes zeugt ebenso von „Geschmack und Vergnügen“ wie die Speisen selbst. Wir wollen Ihnen diesen Klassiker, gerade in dritter Auflage neu erschienen, ans Herz und auf den Küchentisch legen.

Slaters eben erschienenes Buch

Nigel Slater: A Cook’s Book (Bestellen)

DuMont Buchverlag, 42 Euro

ist nicht einfach ein Best-of seiner Rezepte. Vielmehr beschreibt er seinen Weg, seine Entwicklung zu dem Küchenzauberer, der er heute ist. Er schreibt über notwendige Veränderungen, schreibt voller Poesie und dennoch nicht abgehoben. Sein Wintertagebuch gehört zu den schönsten Büchern in der Verbindung von Geschichten und Rezepten überhaupt.

 

Piet Oudolf, Noel Kingsbury: Hummelo (Bestellen)

Ulmer Verlag. 49,90 Euro

und

Piet Oudolf, Rick Darke: The High Line. Die grüne Ader New Yorks (Bestellen)

Ulmer Verlag, 39,95 Euro

und

Piet Oudolf, Henk Gerritsen: Gärten inspiriert von der Natur

(Bestellen)

Bayerischer Landwirtschaftsverlag, 28 Euro

Das Faszinierende an Gärten, wenn wir uns auf sie einlassen, ist die Vielfalt an Dimensionen, in denen sie uns begegnen. Zuerst natürlich als Fläche und als Raum, sei es mit dem Blick in ein sommerliches Staudenbeet, das von Bienen und Hummeln brummt, oder in die winterliche Weite eines englischen Landschaftsparks, der sich entlang einer Sichtachse im Unendlichen verliert. Hinzu kommen Farbe und Duft und – alles andere überlagernd – die Zeit. In ihr erleben wir den Garten jedes Jahr im Wandel, und uns in ihm.

Dem weltweit bekannten und tätigen Gartendesigner Piet Oudolf verdanken wir eine weitere Dimension. Mit dem „Highline Project“ erfand er eine Landschaft zweiter Ebene, indem er die stillgelegten Gleise der New Yorker Hochbahn als Garten anlegte. Dadurch veränderte er die Stadt und – im Sinne des Worts – die Sicht der Menschen auf sie.

Hummelo heißt Oudolfs eigener Garten, und so heißt das reich bebilderte Buch, das wir als eine Lebensgeschichte sowohl dieses Gartens wie ihres Schöpfers lesen können.

Gärten, inspiriert von der Natur, ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes: die zeigt Oudolf in diesem Buch. Er liebt die Pflanzen, die am Weg, auf den Wiesen, in den Wäldern wachsen. Oudolf hat mit diesem hauptsächlich den Stauden gewidmeten Band vor vielen Jahren eine ganz neue Bewegung gegründet und diese immer weiter ausgebaut und liebevoll gepflegt. Zu sehen und bewundern ist eine seiner wunderschön gestalteten Anlagen auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein – der vor zwei Jahren angelegte herrliche Staudengarten. Hinfahren und neben der außergewöhnlichen Architektur der unterschiedlichen Gebäude dieses Stück Landschaft einfach nur genießen!

 

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Werden wir Weihnachten in diesem Jahr bewusster und anders feiern?

Werden wir bedachter miteinander umgehen, besser zuhören, uns mit anderen Meinungen konstruktiv auseinandersetzen, Fremdes nicht ablehnen, sondern zu verstehen versuchen?

Wir freuen uns, wenn Sie mit Ihren Gängen und Ihrem Einkauf in der Stadt diese beleben, wenn Sie uns die Treue halten,

die Auswahl unserer vorrätigen Bücher schätzen und das Lesen weiterhin lieben.

 

Wir wünschen Ihnen gesegnete Weihnachten und ein hoffentlich friedlicheres neues Jahr.

 

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